Nicht immer stimmt die Klasse von Supportbands mit derjenigen der Hauptacts überein - oft ist dem Zuhörenden schnell klar, warum es sich bei den Auftretenden nur um Beigemüse handelt. Letzthin war das wieder einmal ganz anders: Dass Frank Turner es versteht, talentierte Musiker mitzubringen hat er schon letztes Jahr in der Hafenkneipe mit den Herren Jakko und Jay (http://www.myspace.com/jaakkonjay) bewiesen. Auch dieses Jahr - nun schon im wesentlich grösseren Exil auftretend - brachte er alles andere als Anfänger mit: Die vier Herren von Crazy Arm legten mit voller Kraft los, es war eine wahre Freude ihnen bei der Arbeit zu zusehen: volle Energie, musikalische Leidenschaft, unglaublich druckvolle Musik und bald strömender Schweiss. Nicht wenige der Zuschauenden standen mit offenen Augen und Ohren da, ins Staunen versetzt ob des unerwarteten Gewitters, das da vorbeizog.
Und so möchte ich an dieser Stelle einige Worte über das Debüt der Engländer (Devon, Plymouth) verlieren, das bis heute grosse Freude zu bereiten weiss. "Born to Ruin (Xtra Mile Recordings, 2009) ist für die seit 2006 bestehende Formation nach einigen Single-Veröffentlichungen der erste Longplayer, und der lässt sich hören! Denn die erwähnten Live-Qualitäten haben sie erfolgreich auf Cd zu brennen vermocht.
Die Musik von Crazy Arm ist nicht einfach einzuordnen. Liegen ihre Wurzeln sicherlich im Punk, mit einigen Hardcore-Einflüssen, spielen sie auch gekonnt mit bluesigen und rockigen Melodieläufen, die gekonnt
Spannungen aufbauen, um danach wieder in schnellen Punk auszubrechen. Ebenso finden sich viele Einflüsse aus Country und Folk, welche die Band äusserst prominent und dominierend einsetzt und damit die Musik sehr abwechslungsreich zu gestalten weiss. Die Melodien in den Refrains sind gelungen, prägen sich schnell in den Gehörgängen ein und verleihen den Songs ihre Wiedererkennbarkeit. Bald schon summt man als Hörer mit. Bezeichnend dafür der Titel "Broken by the Wheel", der mit viel bluesigen Gitarrenläufen, einer flotten Rhythmik und feinem Gesang über die Strophen dahinzieht, ehe der klagende Refrain den Song ausbrechen lässt und ihm den einprägsamen Charakter verleiht. Eigentlich ein typischer Punksong über das einengende Leben in einer kleinbürgerlichen Stadt, der mit den angesprochenen Gitarrenverzierungen das Konzept von Crazy Arm gut wiederspiegelt. "International Front" zeigt, dass der Sänger auch bei ruhigeren Passagen zu überzeugen weiss; ein textlich anklagender den Krieg verurteilenden Song, dessen Überraschungsmoment in der Steigerung ganz am Schluss zu suchen ist. Die sehr einfühlsam erste Strophe von "Christ in Concrete" zeigt abschliessend eine weitere Stilnote, eher der Song sich wieder auf aus den ersten Titeln bekannten Wegen begibt. Diese Wege sind denn auch einziger kleiner Abstrich am Album: Ab und an würde es nicht schaden, wenn die Band sich durchringen könnte, ihre Freude am Schaffen von langen sich aber ähnelnden Songstrukturen etwas zurückzustellen und einen Song auch mal nach 2 Minuten zu beenden.
Letztlich sind auch die Texte überdurchschnittlich. Schöne Bilder beschreibend und überlegt formuliert liegen sie weit weg von einfachem Parolengedresche. Als Zuhörender resp. Lesender fällt der Tiefgang der
Lieder schnell auf, der ausserdem unterstrichen wird durch kurze Erläuterungen zu den Songs im Booklet. Dass Crazy Arm über die musikalische Arbeit hinausreichende Absichten hat und Ansichten vertritt, machen die unzähligen Links zu Themen wie Menschenrechten, Nachhaltigkeit oder Fair-Trade klar.
"Born to Ruin" ist ein sehr starkes Album, das frischen, mit neuen Stilnoten versehenen Punk bietet und allen empfohlen sei, die auf eigenständige und ehrliche Musik in diesem Genre stehen. Seit März 2010
ist das Album nun auch auf dem europäischen Festland über Gunner Records erhältlich.
www.myspace.com/crazyarm